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Geschichte

Von den Anfängen als Opern-Ballett bis zum BALLETT BASEL im 21. Jahrhundert

VOM OPERN-BALLETT ZUM BALLETT BASEL

Heute gilt Basel als Ballettstadt, als Ort, an dem sich insbesondere das klassische Ballett grosser Beliebtheit erfreut. Diesen Ruf verdankt die Stadt vor allem Heinz Spoerli, der das Gesicht des Tanzes als Chefchoreograf und Ballettdirektor in den Jahren von 1973 bis 1991 am Theater Basel nachhaltig prägte und veränderte. Vor ihm war es eine andere markante Persönlichkeit, die hier Geschichte schrieb und das Stadttheater-Ballett als dritte Sparte aus seinem Schattendasein herausführte: 1955 wurde der Russe Waslaw Orlikowsky (1921-1995) Direktor und setzte mit seinem ungekürzten, vieraktigen «Schwanensee» von Peter I. Tschaikowsky 1956 einen fulminanten Auftakt: 184 Aufführungen und viele Gastspiele erzählen von einem immensen Erfolg des Basler Balletts in jener Zeit. In der Folge kamen weitere Ballette von Tschaikowsky zur Aufführung; Orlikowsky fokussierte auf das traditionelle Repertoire, das er massvoll entstaubte, pflegte aber auch die klassische Moderne. Doch blieb sein Stil von neueren Strömungen wie dem Einfluss eines George Balanchine oder dem amerikanischen Modern Dance unberührt. Zum Mitspieler auf der europäischen Landkarte des Tanzes wurde das Basler Ballett erst mit Spoerli, der neben Neuinterpretationen klassischer Handlungsballette u.a. auch Werke Hans van Manens, William Forsythes und George Balanchines in Basel zeigte und damit den Boden für eine fruchtbare Auseinandersetzung mit der Tanzkunst der Gegenwart bereitete.

Die Anfänge

Im protestantisch-bürgerlichen Basel des 16. und 17. Jahrhunderts fehlten die Voraussetzungen zur Herausbildung einer Ballettkultur. Hier gab es keine feudalen Strukturen wie in Frankreich, das ein «Ballet de Cour» zu Repräsentationszwecken unterhielt, wo Fechten, Reiten und Tanzen zu den «akademischen Künsten» gezählt wurden und eine entsprechende Ausbildung selbstverständlich dazugehörte.

Tänzerin (Gemälde von Pierre-Auguste Renoir) - National Gallery of Art Washington, D.C.

Der nüchterne Geist der Deutschschweiz war Theater und der Kunstform Ballett gegenüber eher skeptisch bis ablehnend eingestellt. Doch gab es auch in Basel ein Bedürfnis nach gehobener Unterhaltung und – seit dem 18. Jahrhundert – nach Bildung mittels Theater als einer «moralischen Anstalt». Wandertruppen aus Deutschland, Österreich und Frankreich gastierten seit dem 17. Jahrhundert in Messebuden oder in Zunftsälen, die ihnen zur Miete überlassen wurden. Oder sie bekamen die Erlaubnis, im sogenannten Ballenhaus aufzutreten. Wie in allen grösseren Städten erbauten auch die Basler nach französischem Vorbild ein Ballenhaus. Den Vertretern der städtischen Elite galt es als schick, sich dort zum Ballspiel, einer Form des heutigen Tennis, und zu anderen gesellschaftlichen Anlässen zu treffen. An der Theaterstrasse, an der Stelle der heutigen «Theaterturnhalle» entstand um 1655 bereits das dritte Ballenhaus Basels. Als das «jeu de paume» aus der Mode gekommen war, nutzte die Webernzunft das Gebäude ab 1807 als Theater. Trotz entsprechender Umbauten waren die Bedingungen für einen ganzjährigen Betrieb aber äusserst unbefriedigend. 1834 entstand gegenüber dem Ballenhaus das erste Theater Basels mit einem stehenden Ensemble.

Das 19. Jahrhundert

Über die Bedeutung des Balletts im Basel des 19. Jahrhunderts gibt es nur wenige Hinweise. Aufgrund der spärlichen Quellenlage kann aber davon ausgegangen werden, dass die klassische Ballettkunst abgesehen von einigen ausländischen Gastspielen kaum eine Rolle spielte. Im 19. Jahrhundert enthielten die meisten französischen und italienischen Opern Balletteinlagen. Dramaturgisch machten sie meist keinen Sinn, waren beim Publikum aber äusserst beliebt. Mit Giacomo Meyerbeers Oper «Robert der Teufel» findet sich 1836 der erste Hinweis auf eine in Basel aufgeführte Oper mit Balletteinlage. Auf diese hatte das Publikum aber zu verzichten, da zu jener Zeit schlicht keine feste Balletttruppe am Stadttheater existierte. Es scheint Jahre ohne eine einzige Ballettaufführung in Basel gegeben zu haben.

Das Ballett in Basel im 20. Jahrhundert

Als 1928 die russische Primaballerina Anna Pawlowa mit ihrer eigenen Truppe in Basel Halt machte, äusserte sich ein Kritiker eher abschätzig: «Wir glaubten den ganzen Zauber (das klassische Ballett, Anm. Red.) längst im Theatermuseum.» Diese Haltung entsprach der Mehrheit der Zuschauer, die mit dem akademischen Tanz wenig bis gar nichts anfangen konnten, sich dem deutschen Ausdruckstanz gegenüber aber durchaus aufgeschlossen zeigten. Isadora Duncan, die Pionierin des neuen Tanzes, trat in Basel nie auf. Hingegen war ihre Schwester Elisabeth mit einigen ihrer Schülerinnen 1913 zu Gast und wurde von der Presse ausführlich gefeiert. Mary Wigman, wohl eine der bekanntesten Repräsentanten des deutschen Ausdruckstanzes, war mit ihrem Ensemble 1925, Niddy Impekoven 1929 und 1931, und das Jooss-Ballett 1935 zu sehen. Viele weitere wie Harald Kreutzberg, Valeska Gert, Yvonne Georgi oder Trudi Schoop traten ebenfalls als Gäste am Stadttheater Basel auf.

Erstes festes Ballettensemble

Rosalia Chladek

Ab wann es in Basel ein festes Ballettensemble gab, ist nicht mehr genau zurückdatierbar. Jedenfalls hatte die an der Neuen Schule Hellerau bei Dresden ausgebildete Österreicherin Rosalia Chladek (1905-1995), die von 1928 bis 1930 als Ballettmeisterin am Stadttheater engagiert war, ein kleines Ensemble aus Tänzerinnen zu ihrer Verfügung.

Wie an fast allen deutschsprachigen Theatern des 19. Jahrhunderts bestand das Basler Ballett-Corps in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aus sechs bis zehn Tänzerinnen. Diese verkörperten bei Bedarf auch die männlichen Rollen. Ihnen stand ein Ballettmeister (oder Ballettmeisterin) vor, der choreografierte und bei Bedarf auch als Tänzer agierte. Die besondere Aufgabe des Stadttheater-Balletts beschränkte sich auf die tänzerischen Einlagen in Opern und Operetten. Wie hoch der technische Standard war, lässt sich nur erahnen (oder befürchten) – auf jeden Fall nicht mit dem heutigen vergleichbar. An Matineen präsentierte das Ballett aber auch eigenständige, meist von ihren Ballettmeistern entwickelte Choreografien. In der Ära Chladek studierte das Stadttheater Ballett u.a. die Strawinsky-Ballette «Der Feuervogel» und «Petruschka» – zwei wichtige Werke der Diaghilew-Ära – in freiem Tanzstil ein.

Die Aera Heinz Rosen

Eine weitere wichtige Epoche in der Geschichte des Ballett Basel stellt die Zeit unter dem in Deutschland geborenen Heinz Rosen (1908-1972) dar. Er war von 1945 bis 1951 Ballettmeister am Theater. Er war durch die Schule von Harald Kreutzberg, Yvonne Georgi, Rudolf von Laban und Victor Gsovsky gegangen, und gleichzeitig auch offen für die Werte des klassischen Balletts. Knaurs Ballettlexikon von 1957 bezeichnete seine Choreografie «L’Indifférent oder Der Bilderraub» von 1947 als den «bedeutendsten Beitrag Schweizer Künstler zum modernen Ballett». Das Libretto zum Stück schrieb Otto Maag, die Musik komponierte Hans Haug. Rosen selbst tanzte eine der Hauptrollen darin.

Die Nachkriegszeit

Als die 1929 in Basel geborene Margaret Nagel in der Saison 1946/47 als Elevin im Stadttheater auftrat, zählte das Corps de ballet sechs Damen, zwei Solistinnen und sechs Herren. Je nach Stück, so erzählt sie rückblickend, wurden weitere Tänzer, teilweise auch Amateure, beigezogen. Einer der Herren war Walter Kleiber (1909-1987), ihr Lehrer. Er war von 1940 bis 1943 selber Ballettmeister am Stadttheater und tanzte später auch unter Orlikowsky. Kleiber muss ein ausserordentlich begabter Pädagoge gewesen sein, der mehr als eine Generation von Tänzerinnen und Tänzern prägte und förderte; Heinz Spoerli war wohl sein berühmtester Schüler. Zu damaliger Zeit reichte der Lohn einer Balletttänzerin nicht aus, das tägliche Leben zu bestreiten. Nagel, die nicht verheiratet war, konnte sich eine Karriere als Tänzerin nicht leisten und entschied sich für einen bürgerlichen Beruf, ohne jedoch das Tanzen ganz aufzugeben. Der damalige Intendant Eugen Neudegg soll die finanzielle und soziale Situation der Tänzerinnen einmal folgendermassen kommentiert haben: «Meine Damen, sie sind jung und hübsch, das ist ihr Kapital!» Nagel erinnert sich, dass sich ihre Gage aus den abendlichen Einzelauftritten zu je fünf Franken zusammensetzte; ein Fixlohn existierte nicht. Je mehr Auftritte in einer Operette, desto besser die Bezahlung. Das sogenannte Tingeln, Auftritte an Geburtstagsfeiern und anderen gesellschaftlichen Anlässen, war eine vielgenutzte Möglichkeit, das Salär etwas aufzubessern.

Die Epoche von Waslaw Orlikowsky

Eine anhaltende Begeisterung für den Tanz konnte aber auch Rosen in seiner Zeit als Ballettdirektor beim Basler Publikum nicht auslösen. Dies blieb Waslaw Orlikowsky vorbehalten. Dieser – von vielen kurz «Orly» genannt – erkannte schnell, dass das technische Können der meisten damals engagierten Tänzerinnen für seine ambitionierten Pläne nicht ausreichte. Und mit gerade einem Dutzend Tänzerinnen und Tänzen liess sich kein grösseres klassisches Werk einstudieren. Dass er sukzessive begann, die alten Tänzer durch neue, einige davon auch russischer Herkunft zu ersetzen, kam nicht bei allen gut an. Waren es in seiner ersten Saison insgesamt 20 Tänzer, war das Ensemble drei Jahre später bereits auf 22 Tänzerinnen und 11 Tänzer aufgestockt. Nach dem Abgang Orlikowsky’s an die Wiener Staatsoper sank das Ballett für sechs Jahre wiederum auf den Status eines Opernballetts ab. Daran konnte auch der Prager Choreograf Pavel Smok, der von 1970 bis 1973 Ballettchef in Basel wurde, nichts ändern. Er suchte Anleihen beim Ballettboulevard, beim Neoklassizismus und bei Béjart, experimentierte mit neuen, pathetisch aufgeladenen Ausdrucksformen, ohne bei all dem ein eigenes Profil zu entwickeln.

Mit Heinz Spoerli zu internationaler Annerkennung

Als der Intendant Werner Düggelin 1973 den damals 32-jährigen Heinz Spoerli (1941 in Basel geboren) als neuen Chefchoreografen ans Basler Theater berief, fällte er eine folgenreiche Entscheidung.

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Mit Spoerli erneuerte sich das Ballett Basel von innen heraus auf grundlegende Weise. Der noch junge, ambitionierte und hoch musikalische Ballettchef verstand es, über 18 Jahre lang in harter, konsequenter Arbeit ein Ensemble von hohem technischen Niveau aufzubauen, das neoklassische Repertoire tiefenreinigend zu erneuern und einen unverkennbaren, eigenen Stil zu kreieren, der technische Virtuosität nie um ihrer selbst willen reproduzierte. Spoerli ist ein «Tanzmacher», der sehr genau auf die von ihm ausgewählte Musik hört und aufgrund der Figurenkonstellationen eine zwingende Geschichtenlogik zu entwickeln weiss.

In seinen Anfängen verzichtete er erst einmal auf abendfüllende Handlungsballette und setzte auf eher kleinformatige Werke – meist in der Dependance des Theaters, der «Komödie» herausgebracht. Dahinter steckte das Bestreben, das Ballett als eine zeitgenössische Kunstform zu etablieren. Allmählich begann sich der Ruf des Basler Balletts, wie es damals noch genannt wurde, über die eigenen Landesgrenzen hinaus zu verbreiten. Die Premieren in Basel wurden für jeden Starkritiker ein «Must»: In einer von der Basler Ballett Gilde 1983 (?) herausgegebenen Ballettbroschüre schrieb der deutsche Tanzpublizist Horst Koegler: «Heute kann man sagen, dass das Basler Ballett zu den führenden schweizerischen Kulturexporten gehört, ja, dass es für die international interessierte Öffentlichkeit zu einer Art Synonym für Schweizer Ballett geworden ist.» In der Stadt Basel selber vermochte Spoerli ein nie da gewesenes Ballettfieber zu entfachen. Er war es auch, der das zweijährlich stattfindende Festival «basel tanzt» initiierte, das später unter der künstlerischen Verantwortung des gegenwärtigen Ballettdirektors Richard Wherlock stand. Als Spoerli 1991 einem Ruf an die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf nachgab, hatte er für die Basler Compagnie beeindruckende 79 Choreographien geschaffen.

Neufassungen der Klassiker durch Youri Vamos

Auf Spoerli folgte der 1946 in Ungarn geborene Youri Vàmos mit einem zunächst auf drei Jahre befristeten Vertrag.blieb bis 1996. Mit Vàmos wurde die mit Youri VàmosOrlikowsky begonnene neoklassische Linie fortgesetzt. Der Tanzkritiker Jochen Schmidt schreibt in seiner «Tanzgeschichte des 20. Jahrhunderts» 2002: «Praktisch das gesamte Oeuvre von Vàmos besteht aus Erzählballetten. Dabei handelt es sich vorwiegend, aber nicht ausschliesslich um Neufassungen der Klassiker des 19. Jahrhunderts. (…) Dass er die bekannten Stücke in der überlieferten Form spielt, ist eher die Ausnahme als die Regel. Mehr oder weniger starke Veränderungen müssen sich die von ihm choreographierten Klassiker immer gefallen lassen.» Einen seiner grössten Erfolge in Basel verbuchte er mit seinem 1995 uraufgeführten «Sommernachtstraum». Und noch einmal Schmidt zu dieser bemerkenswerten Aufführung: «Vàmos buchstabierte Shakespeare nicht einfach nach. Er choreographierte seine Essenz.»

Joachim Schlömers Tanztheater

Mit dem Jahr 1996 kam es zu einem radikalen Einschnitt. Die junge, aber bereits tief in Basel verwurzelte Tradition des neoklassischen Balletts wurde durch die Wahl Joachim Schlömers abrupt beendet. An Stelle des Balletts trat das (deutsche) Tanztheater. Der 1962 im Rheinland geborene Schlömer stammt aus dem kreativen Umfeld der Folkwang Hochschule in Essen. Bevor er nach Basel kam, hatte er als Tanztheater-Direktor bereits in Ulm und Weimar gewirkt und war als Choreograf ausserordentlich erfolgreich gewesen. In Basel konnte er nicht wirklich an diese Erfolge anknüpfen. Nicht zuletzt scheiterte er und sein Ensemble an Widerständen des Ballettpublikums, das sich mit dem ästhetischen Stilbruch nicht abfinden wollte. Künstlerisch hoch interessant waren Schlömers Versuche, die Spartengrenzen am Theater Basel aufzubrechen. Mit Glucks Oper «Orfeo ed Euridice» 1997 und der Monteverdi-Choreografie «La guerra d’Amore» 1999 begab er sich auf das Terrain des Musiktheaters und traf den Nerv des Publikums. 2001 verabschiedete sich Schlömer von Basel und arbeitet seither – international gefragt - als freier Choreograf.

Richard Wherlock mit zeitgenössischem Ballett

Richard Wherlock

Der damalige Intendant Michael Schindhelm suchte nach einem künstlerischen Kompromiss und fand ihn im Engländer Richard Wherlock, 1958 in Bristol geboren. Wherlock könnte man als sanften Erneuerer bezeichnen: Mit den Mitteln des klassischen Vokabulars choreografiert er zeitgenössischen Tanz. Seine besten Arbeiten sind von sprühender, sportlicher Dynamik und verspielter Virtuosität; insbesondere in seinen Pas de deux’ offenbart sich eine grosse gestalterische Fantasie. Die Compagnie besteht heute aus 29 Tänzerinnen und Tänzern und erfreut sich in Basel grosser Akzeptanz.

Richard Wherlocks neue Interpretationen der Ballettklassiker «Schwanensee» (Uraufführung am 11. Januar 2008) «Carmen» (Uraufführung am 15. Januar 2010) und «Giselle» (Uraufführung am 12. Januar 2010) sind seine bislang grösste Erfolge in Basel und werden wegen der grossen Nachfrage wiederaufgeführt . Seine freie Interpretation des bekannten Dramas um die Kameliendame von Alexandre Dumas «Traviata, ein Ballett» (12. Oktober 2008) ist seit 2008 immer wieder bei Gastspielen im Ausland und auf der Bühne des Basler Theaters zu sehen. Neben eigenen Choreografien, abendfüllenden Handlungsballetten und Kurzstücken lädt Wherlock regelmässig Gastchoreografen wie Jirí Kylián, Mauro Bigonzetti, Angelin Preljocaj, Christop her Bruce,Rami Be’er, Jorma Elo, Johan Inger und viele weitere grosse Namen sowie hierzulande noch zu entdeckende «shooting stars» ans Theater Basel ein.Text von Maya Künzler 07.07.2009 (aktualisiert am 19.9.2011)