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BaZ zur Première «Sleeping Beauty»

Vermummte und Verzauberte

Es war einmal ein Mann, der jagte seiner Traumfrau hinterher.
Désiré, so hiess der Jüngling, mühte sich, er lief, nein, rannte, hastete und
reckte die Arme, eine Musik hob an, sie grummelte wie rasend, sie peitschte ihn
voran, doch je schneller er lief, desto unerbittlicher verharrte sein Körper auf
der Stelle. Und desto unerreichbarer schien sein Traum, diese Frau, diese
Schwebende, dort hinter einem Kettenvorhang. Endlich erreichte Désiré den
Vorhang, aber der wirkte wie eine Mauer auf ihn, und Désiré verwarf die
Hände und litt.

So märchen- und so rätselhaft stimmt Gastchoreograf Alejandro Cerrudo das Basler Ballettpublikum auf seine «Sleeping Beauty» ein. Der 35-jährige
Spanier macht nach Tänzerstationen in Stuttgart und beim Nederlands
Dans Theater schon seit zehn Jahren Karriere in den USA, in erster Linie als
Hauschoreograf bei Hubbard Street Dance Chicago. Sein Handlungsballett
orientiert sich sehr frei am Dornröschen-Stoff, es ist Cerrudos erste Uraufführung
für das Ballett Basel. Ein pausenloser 90-Minuten-Abend ist daraus
geworden. Mit packenden Szenen. Und mit Längen.

Das Sinfonieorchester Basel für seinen Teil erwischt einen glänzenden Abend, Dirigent Thomas Herzog macht eingangs mächtig Tempo mit Philipp Glass, einer Passage aus «Cassandra’s Dream», und lässt dann die Tänzer in Tschaikowsky und Sibelius schwelgen, denn Cerrudo legt das düstere Motiv des Prologs vorerst ad acta und feiert
die Freundschaft mit einem adretten Reigen von Männerquintetten. Höher zählt nur die wahre Liebe, und die erstrahlt mit Ayako Nakanos Aurora auf der Bühne. Sie drückt Désirés Zeigefinger zärtlich auf ihre Stirn, hält ihn dort, und eine lyrische Solovioline lockt zum süssen Tanz, zum süssen Kuss. Der Désiré des geschmeidigen Frank Fannar Pedersen kostet diesen Pas-de-deux-Rausch aus, sehr zu Recht, denn das Paar übertrifft die klar neoklassischen, sauber getanzten, doch selten atemberaubenden Gruppenszenen bei Weitem. Hier wirkt Cerrudos «Sleeping Beauty» schläfrig, um nicht zu sagen: einfallslos.

Beim Fürsten der Finsternis

Das ändert sich schlagartig, als die mit Heiterkeit gepolsterte Stimmung eindunkelt. Die turmhohen, flexiblen Elemente von Bühnenbildner Bruno de Lavenière offenbaren ihre Kehrseite: schwummrige, metallische Spiegel. Das ist die Welt von Carabosse, dem mit Muskelhöckern bepackten Fürsten der Finsternis (Jorge Garcia Perez), der Aurora in seine Gewalt bringt. Jetzt grummelt die Pauke, und Carabosses Zeigefinger sticht wie ein Giftpfeil in Auroras Stirn. Erlegt, gefangen. Eine Kapuzenkoboldhorde verschleppt die Schöne in ihren Albtraumkäfig. Der schon bekannte Kettenvorhang rasselt runter, silbrige Lichttropfen schlieren eindrucksvoll daran herab, die Folterknechte veranstalten ein Eishöllenspektakel, sie tauchen Aurora Gesicht voran in die Ketten, als wollten sie sie darin ertränken. Das ist höchst effektvoll gemacht, Schauder und Zauber halten sich die Waage, dank Etienne Guiols Videoschemen und
dem raffinierten Lichtdesign von David Debrinay. «Rest with your dream inside my
dream», befiehlt Carabosse mit Dämonenstimme. Er will sie allein besitzen,
natürlich. Was in ein tänzerisches Werben mündet, dessen sich Aurora weder
entziehen kann noch wirklich entziehen will. Sie wird fortgetragen, im
wahrsten Wortsinn. Und Alejandro Cerrudo arrangiert in seinem Traumraum
unermüdlich Vermummte und Verzauberte, Katzenkappenwesen und blaue
Vögel, ein Rotkäppchen und einen Wolf. Dann die Reprise. Wieder jagt
Désiré seiner schönen Schimäre hinterher, er ringt die Hände vor dem Eisenkäfig,
und siehe da, Carabosse gibt sein Opfer frei. Bann gebrochen, Erweckung,
Kuss im Spotlight. Die Liebenden umschnäbeln sich. Das mit dem
Zeigefinger klappt noch. Denn das Böse währt nicht ewig. Zumindest nicht im
Märchen. Warmherziger Applaus, aber kaum Jubel.