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BaZ zur Première "The Fairy Queen"

Die Verwirrung der Sinne - Das Ballett Basel verzaubert das Premierenpublikum mit «The Fairy Queen» / BaZ, 21. Januar 2011 / Stephan Reuter

Die Musik versinkt. Oder versinken wir in der Musik? Das Ballett hat noch gar nicht angefangen, schon hält uns das neue Werk von Richard Wherlock in der ersten Sinnestäuschung gefangen. Solange das Saallicht an war, hat sich das Basler Barockorchester La Cetra an der Rampe vor eine barocke Gartenkulisse drapiert. Auftoupierte Perücken und die Chorus Line der Schola Cantorum verstellen den Blick auf die Grosse Bühne. Dann, mit den ersten Purcell-Klängen, gleitet das Orchester in den Graben; doch es fühlt sich an, als sässe das ganze Parkett im Fahrstuhl zum siebten Bühnenhimmel.

Die Verwirrung der Sinne – darauf hat es die Choreografie von Richard Wherlock abgesehen, bei allen erzählerischen Freiheiten, die sich der Basler Ballettchef gegenüber Henry Purcells Semi-Oper «The Fairy Queen» zugesteht. Wherlock hat den Barockkomponisten in die Feenhandlung integriert und seinen Landsmann William Shakespeare gleich hinzu. Schliesslich stammt aus seiner Feder die Komödie, auf die sich Purcell stützt: der «Mittsommernachtstraum ».

Wherlock deutet den Dichter und den Komponisten als schelmisches Künstlerpaar. Adrien Boissonnet stattet Purcell mit verklemmter Körpersprache und einer vergeistigten Aura aus. Sergio Bustinduys Shakespeare schwankt eindeutig zwischen zwei und drei Promille, bezirzt die Hofdamen, prallt platt hin, wird von Kollege Purcell abgeschleppt – Hut ab vor diesen zwei Clowns, die sich mit Bravour in die Herzen der Zuschauer tanzen. Einer braucht keine Sympathie: Oberon, König der Elfen. Es geht ihm allerdings gegen den Strich, dass seine Titania ein Menschenjunges in Pflege nimmt und keinen Blick mehr auf seine herrische Herrlichkeit verschwendet. Als Geisterwesen kann Titania keine Kinder gebären. Folglich hegt sie nurmehr Gefühle für diesen indischen Knaben, für seine unerhört elegante Energie, für die drollige Zärtlichkeit, mit der ihr Roderick George (und kein anderer könnte ihn in dieser Rolle toppen) den Kopf dezent in den Schoss drückt, als wolle er genau dorthin, woher er niemals kommen konnte.

Erotik mit Eselsohren
Auf Bruce Frenchs dreistufiger Bühne beherrscht Oberon zwar die oberste Ebene. Seine Frau beherrscht er nicht. Oder nur mit fiesem Zauber. Oberon setzt Purcell Eselsohren auf und macht, dass Titania fortan ausschliesslich in ihn vernarrt ist. Der Boy ist irritiert. Shakespeare nicht minder, denn auch ihn hat der magische Bann erwischt. Auch auf ihn strahlt der Komponist plötzlich Erotik aus. Er zwängt sich zwischen Titanias Liebeswerben, was ein kunstvoll ineinander verstricktes Pas de trois ergibt. Purcell wird darüber immer niedlicher und schliesslich von Shakespeare stakkato auf die Stirn geküsst.

Derweil weidet sich Oberon hämisch an dem Tollhaus, das seine Satyrn und Feen unter den Höflingen anrichten. Wobei sich Wherlocks Company strikt an die Regeln der Galanterie hält. Die Liebe zur Geometrie, die sich in den Kegeln und Säulen des barocken Parks äussert, setzt sich in der Choreografie fort. Allerdings fabrizieren die zahllosen Gruppentänze phasenweise auch lediglich hübsch anzusehenden Leerlauf.

Über die Schwächen der Handlung helfen die Stärke der Tänzer und die Grazie der Musik hinweg. Ob ver- oder entzaubert: Ayako Nakano bleibt eine umwerfende Titania. Und Roderick George ist noch als leichenstarre Rücksendung aus dem Elfenreich an die Menschheit ein Ereignis.

Das Publikum jubelt denen an der Rampe zu. Den Tänzern, den Sängern, dem Orchester, allen. Es war eben einer dieser Ballettabende, in der ein ganzes Theater in Schönheit versinkt.