Sie sind hier: Startseite Ballett Theater Basel Medienberichte BaZ zur Première von "Eugen Onegin"

BaZ zur Première von "Eugen Onegin"

Liebesbriefe zur falschen Zeit (Quelle: BaZ, 14.01.2013 / Muriel Gnehm)
BaZ zur Première von "Eugen Onegin"

Foto: Ismael Lorenzo

Richard Wherlocks Uraufführung «Eugen Onegin» fasziniert als getanztes Wintermärchen

Es ist ein Brief, der eine Wende besiegelt. Wie so oft in Alexander Puschkins «Eugen Onegin». Eugen Onegin (Jorge García Pérez), der sich in einem Ballsaal in Sankt Petersburg aufhält, wird in die Provinz gerufen. In der überdimensionierten Bibliothek des Landgutes ist ein Priester, der sich bekreuzigt, wenig später wird ein Sarg hinausgetragen, die Bücher scheinen den Himmel zu berühren. Onegins Onkel ist soeben verstorben, der Neffe erbt sein Gehöft.

Ein buntes Chaos prägt das Gut; Möbel wandern durch die Dielen und mit ihnen die Bediensteten, die sich mal den Paravent, mal die Badewanne und mal den Kleiderständer zum Tanzpartner nehmen. Es ist eine von vielen ausgezeichneten Gruppenchoreografien, die das Ballett Basel an diesem Premierenabend zeigt. Präzise getanzt und dazu noch witzig.

Dem Freund ein Fehdehandschuh

Dann mischt sich ein Mädchen mit Zopf unters geschäftige Volk. Bleibt vor den Büchern stehen – und beginnt sich leise zu bewegen. Es ist Tatjana Larin (Ana Lopez), die Tochter eines Nachbarn, die beim alten Herrn Bücher auszuleihen pflegte. Die sich gerne in Geschichten versenkt und sich ähnlich kompromisslos in die Liebe flüchtet.

Ihre unschuldigen Gefühle ergiessen sich in einem Brief an den Auserwählten, das Schreiben ist qualvoll für die junge Frau, die sich auf der Bühne verrenkt und auf der Videoprojektion dahinter das Bein vollkritzelt. Durch viele Hände wandert das Geständnis zu Onegin. Nun ist es an ihm, ihr zu sagen, dass er nicht interessiert ist.

Im Versepos von Puschkin versucht Onegin ihr dies so einfühlsam wie möglich beizubringen, sagt, dass er ihr nicht im Geringsten würdig sei. Auf der Bühne begreift sie es in der Art des nahen und gleichwohl distanzierten Tanzes, der mit dem Zerknüllen ihres Briefes endet. Das Videobild dahinter widerspiegelt dabei einmal mehr ihre Gefühle. Immer wieder löst sich ein Tropfen von der regennassen Fensterscheibe und rinnt einer Träne gleich daran hinunter.

Onegin fordert nun Olga (Debora Maiques Marin) zum Tanze auf – die Schwester der zutiefst verletzten Tatjana und die Verlobte seines guten Freundes Lenski (Javier Rodriguez Cobos). Trotz und ein wenig Böswilligkeit schwingen bei diesem Schäkern in den Drehungen mit. Es erzürnt Lenski so sehr, dass er Onegin den Fehdehandschuh hinwirft.

Aus dem Orchestergraben klingt die Musik Tschaikowskys (David Garforth) nun noch dramatischer als zuvor, über der russischen Weite ziehen dunkle Wolken auf. Die Freunde sind bereit für das Duell. Und schon sinkt Lenski von Onegin getroffen zu Boden. Zeit für den Gutsherrn, von dannen zu ziehen. Zeit für einen ersten, langen Applaus im Theater Basel.

Wenn es denn in dieser Inszenierung eine Schwachstelle gibt, dann ist es die erste Szene nach der Pause. Mit Frauen in Leopardenunterwäsche räkelt sich Onegin minutenlang auf dem roten Bettlaken, ohne dass sich eine richtige Choreografie aus dieser plakativen Aufstellung entwickeln würde. Mit den wandelnden Spiegeln gewinnt die Inszenierung aber wieder – Onegins Narzissmus wird gleich mehrfach in den Saal hinausgeworfen.

Feuerwerk für Fürstenpaar

In der zweiten Hälfte lässt sich der Choreograf Richard Wherlock mehr erzählerische Freiheiten. Es folgen düstere Auftritte in Business-Garderobe, in denen sich das vielfache Talent der Tänzerinnen und Tänzer des Balletts Basel zu den anmutig schönen Klängen des Sinfonieorchesters zeigt. Immer wieder formieren sie sich zu neuen Gruppen, zu Paaren, die sich im Gleichklang bewegen und doch nicht berühren. Die sich entwischen, ohne zusammengefunden zu haben.

Nun wird der Abend wieder bunter. Eine Art Feuerwerk jagt über die Leinwand und kündet wie in einer Fernsehshow das Fürstenpaar an. Das jungfräulich verträumte Mädchen ist zu einer strengen Dame herangewachsen, deren Diszipliniertheit sich im Pas de deux mit dem Fürsten ausdrückt, und deren Charakter Ana Lopez in ihrem Tanzstil besser auffängt als jenen des jungen Mädchens. Onegin erkennt Tatjana im ersten Moment nicht wieder, um sich im zweiten unsterblich zu verlieben.

Er offenbart ihr seine Gefühle in einem Brief. Sucht darin nach ihrer Liebe und wohl ein bisschen auch nach dem warmherzigen Mädchen von früher. Irrt zwischen all den Frauen (und Männern) in roten Abendkleidern hin und her, ohne seine Tatjana zu finden, während leise der Schnee auf die Pelzmützen rieselt. Ein bisschen sieht es aus, als ob die Tänzer Schlittschuh liefen, nur für Onegin ist kein Platz in diesem Wintermärchen. Mit den letzten Flocken segelt sein Brief herab – und landet auf dem Schoss der Fürstin im Fabergé-Ei.

Doch manchmal gibt es kein Zurück mehr. Dafür Standing Ovations für die originelle Choreografie, die «Eugen Onegin» zu einem abwechslungsreichen Ballettabend macht. Für die Tänzer, deren Gruppendarbietungen Klasse sind. Aber auch fürs Sinfonieorchester Basel, das die Dramatik dieser Ungleichzeitigkeit der Gefühle noch unterstreicht, wird geklatscht. Sowie fürs kreative Bühnenbild (Bruce French, Video: Tabea Rothfuchs) und die raffinierten Kostüme (Catherine Voeffray).