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BZ zur Première von «Die Liebe kann tanzen»

Quelle: BZ vom 20.12.2014 von Elisabeth Feller
BZ zur Première von «Die Liebe kann tanzen»

Foto: Ismael Lorenzo

«Die Liebe kann tanzen» – das neue Ballett von Stephan Thoss wurde am Theater Basel uraufgeführt

Die Liebe kann tanzen: Wenn zwei Menschen Schmetterlinge im Bauch haben und nur noch eines wollen – miteinander abheben. Das ist die eine, sonnige Seite. Doch es gibt auch eine andere, dunkle. Die hat mit Einsamkeit in der Zweisamkeit oder mit Kränkungen zu tun, weil das Gegenüber nicht dem entspricht, was man von ihm erwartet hat. «Die Liebe ist ein Mythos» ist im Programmheft des Balletts Basel zu lesen. Vielleicht. Tatsache ist: Die Liebe ist ein geschätztes Thema in der Kunst – auch im jüngsten Ballett von Stephan Thoss, der nicht nur choreografiert, sondern auch für die Bühnen-, Kostüm- und Lichtgestaltung zuständig ist.

Dass Thoss kein Mann ist, der sich an Hollywood-Romantik orientiert, belegt sogleich die Eingangsszene, deren optische Schwärze vom Weiss der absenkbaren Bilderrahmen schmerzlich aufgebrochen wird. Was die Raumgestaltung gewissermassen als Alarmzeichen auf das Kommende vorausschickt, findet zunächst keine Entsprechung im Tanz. Zu einer Bach-Collage (Cembalokonzert Nr. 2, Musikalisches Opfer) finden sich Paare im innigen Zwiegespräch oder im ausgelassenen Austausch mit der Gruppe. Die Atmosphäre ist harmonisch und lebensfroh. Die Tänzer hechten ab und an über einen Partner hinweg; das Grundtempo ist schnell, wird von Thoss aber auch verlangsamt: etwa dann, wenn er das Ensemble an der Rampe platziert und dieses an Ort und Stelle trippelt, bevor es in den Kulissen verschwindet – ein amüsantes Bild.

Die hässlichen Seiten der Liebe

Friede, Freude, Eierkuchen? Nein. Aus den von Thoss selbst so benannten Szenen «Du» und «Wir» wird ein «Ich» – und damit hält der Egoismus Einzug. Tana Rosás Suné und Frank Fannar Pederson befinden sich hier in einem Wechselbad der Gefühle zwischen Anlehnung und Ablehnung; Widerborstigkeit lauert in beider Gesten und Schritten – es ist ein einziger Kampf, der mit einem jähen Donner den «unsichtbaren Riss» anzeigt. Von da an ist nichts mehr, wie es war. Thoss treibt seine fabelhaften Tänzerinnen und Tänzer in stetig isoliertere Aktionen; der bestrickende spielerische Aplomb des Beginns mit seinen fliessenden Bewegungen muss einem kantigeren Gestus Platz machen. Die Liebe tanzt hier mit Bleikugeln an den Füssen; will heissen: Sie zeigt ihre hässlichen Seiten. Mit einem Mal ist auch Gewalt im Spiel; die Hebe- und Wurffiguren sind nicht mehr Ausdruck von überschäumender Freude, sondern von Macht. Bekräftigt wird der Tanz von der Musik. Neben Bach prägen Valentin Silvestrov, Arvo Pärt und Johann Paul von Westhoff den ersten Teil, dessen bewusste inhaltliche Unschärfen das Publikum rätseln lassen, wie es im zweiten Teil weitergeht.

Radikal anders. Nicht narrativ, aber dennoch mit Anklängen an eine «Geschichte». Der Raum erscheint jetzt noch dunkler; die Bilderrahmen sind Auffangstation für Videos, die blutige Hände zeigen. Mit «Loslassen» betitelt Thoss die erste Szene mit ihren schwarz vermummten Tänzern. Es ist dies eine aggressive Inbesitznahme der Bühne, die sich – untermalt von Ezio Bossos repetitiver Musik (Sinfonieorchester Basel unter Timothy Henty) – in unterschiedlichen Tänzer-Konstellationen fortsetzt. Vom «Mythos Liebe» ist der zweite Teil Lichtjahre entfernt. Da überreicht ein Mann einer Frau eine Blume, als ob er sie damit an helle Liebeszeiten erinnern wollte. Anschliessend fällt er buchstäblich aus dem Rahmen. Als er diesen verlässt, verfolgt ihn eine schwarz gekleidete Frau – ein Vampir, der Blut schmecken will? Jedenfalls ists kein schönes Bild, diese zu zweit sich Quälenden. Dass die Liebe tanzen kann, glaubt hier keiner mehr. Aber dann reisst der Choreograf das Steuer herum und lässt – mit Bachs Musik an den Beginn anknüpfend – alle Paare auf die Bühne treten. Ein bisschen scheu, ein bisschen linkisch. Sie berühren und necken sich; sie setzen ihre Füsse in Bewegung; sie wirbeln über die Bühne: Ja, Liebe kann (wieder) tanzen. Welch eindrückliche Stationen einer langen Reise sind Stephan Thoss gelungen.