Sie sind hier: Startseite Ballett Theater Basel Medienberichte NZZ zur Première von «Die Liebe kann tanzen»

NZZ zur Première von «Die Liebe kann tanzen»

Quelle: NZZ vom 19.12.2014 von Martina Wohltat
NZZ zur Première von «Die Liebe kann tanzen»

Foto: Ismael Lorenzo

Tänzelnd über dem Abgrund

An wunderbaren Eindrücken reicher Ballettabend, der auch als Fortsetzung von Thoss' zuletzt in Basel gezeigtem Tanzstück «Blaubarts Geheimnis» betrachtet werden kann.

Ach, die Liebe, ein Lieblingskind auch im Ballett. «Die Liebe kann tanzen» heisst das neue abendfüllende Ballett des deutschen Choreografen Stephan Thoss, das im Theater Basel zur Uraufführung kam. Der Titel klingt einladend, lässt einem aber keine Ruhe: Wieso dieses Wörtchen «kann»? Wieso diese in Aussicht gestellte Möglichkeit? Tanzt die Liebe nicht fraglos? Schweben Verliebte nicht stets tänzelnd über dem Abgrund? Damit sind wir bereits mitten in diesem an wunderbaren Eindrücken reichen Ballettabend, der auch als Fortsetzung von Thoss' zuletzt in Basel gezeigtem Tanzstück «Blaubarts Geheimnis» betrachtet werden kann.

Ich, Du, Wir
Pure Energie, beschwingtes Ausschreiten bestimmen den Beginn des Stückes. Über der Szenerie hängen leere Bilderrahmen, die der Zuschauer mit seinen Assoziationen und eigenen Bildern füllen kann. Zu wie hingetupften Tonwiederholungen drehen sich mehrere Paare. Die Zeit scheint stillzustehen in ihren selbstverlorenen, gedehnten Bewegungsabläufen. Blicke zwischen Mann und Frau fliegen hin und her, Berührungen lösen neue Bewegungen im Raum aus. Von den Tänzerinnen und Tänzern des Balletts Basel werden sie mit absoluter Präzision und Geschmeidigkeit ausgeführt. Wie von Zauberhand treffen die Bewegungen hier in ihr Ziel, formen sich die tänzerischen Posen zu dem für Thoss typischen expressiven Bewegungskosmos.

Vom Ich und Du geht es rasch zum Wir über, aus den Duos entstehen kraftvolle Ensembles. Jeder Tänzer ist ein unverwechselbarer Teil des Ganzen. Dazu erklingen Auszüge aus Johann Sebastian Bachs «Musikalischem Opfer» als Symbol für Konzentration und Einheit. Im Verlauf des Abends wird dieser klare Bach durch verstörende (Hör-)Erfahrungen getrübt. Geradezu schockierend wirkt es dann, wenn in Arvo Pärts musikalischer Collage über die Tonfolge B-A-C-H die Bach-Zitate förmlich vor den Ohren zerbröckeln. Gleichzeitig geht ein Riss durch das tänzerische Geschehen, das ausgelassene Spiel erstirbt, zwischen den Paaren tun sich Gräben auf. Isoliert steht eine Tänzerin den anderen gegenüber, die ihr den Rücken zuwenden. Später legt sie ihre Rechte nicht einmal mehr in die Hand ihres Partners, sondern verlässt, ohne ihn eines Blickes zu würdigen, die Bühne. Es sind solche kleinen Gesten, mit denen Thoss von den Katastrophen der Liebe erzählt.

Im zweiten Teil kommt zu Tonbandcollagen und zum Ricercar aus Bachs «Musikalischem Opfer» in der Orchesterbearbeitung von Anton Webern die düstere Geräuschkulisse aus Thomas Larchers «Bösen Zellen» für Klavier und Orchester hinzu. In der Zusammenballung der Klänge eine Herausforderung, welche die Pianistin Christina Bauer und das Sinfonieorchester Basel mit dem englischen Dirigenten Timothy Henty höchst respektabel meistern.

Allen dramatischen Tönen zum Trotz erleidet der Abend im zweiten Teil einen Spannungsverlust. Die Einsamkeit stülpt sich lähmend über die Szene, mit verzweifelter Kraft stemmen sich die Paare gegeneinander. Eben noch ein hoffnungsvolles Pflänzchen, welkt die Liebe dahin. Dämonen verfolgen die Tänzer als Schattengestalten, eine ältere und eine junge Frau sitzen am Tisch. Mutter, Tochter, Ehefrau, Geliebte – der Choreograf erzählt von der Angst vor Nähe und spannt den Tanz im zweiten Teil so symbolträchtig auf, dass man sich fast in einem Stück von August Strindberg wähnt.

Die Liebe kann es
Der elegante Tänzer Frank Fannar Pedersen geht hier flüchtige Beziehungen mit wechselnden Partnerinnen ein, die sich nur durch die Farbe ihrer Kleider unterscheiden und als Projektionsfläche für brüchige Beziehungswünsche dienen. Es kommt wie so oft in diesen Dingen: Irgendwie klemmt's immer, irgendwann geht's nimmer. Doch zum Glück belässt es der Tanzschöpfer nicht beim Katzenjammer. Am Ende beschert er uns einen neuen hoffnungsvollen Liebestaumel. Noch einmal wird im Ballett die Harmonie der Körper freigesetzt, wie dies nur die Liebe vermag. Stephan Thoss zeigt: Ja, die Liebe kann tanzen – wenn man sie nur lässt.