Sie sind hier: Startseite Ballett Theater Basel Medienberichte BaZ zur Première von «Juditha triumphans»

BaZ zur Première von «Juditha triumphans»

Quelle: BZ vom 16.03.2015 von Stephan Reuter
BaZ zur Première von «Juditha triumphans»

Foto: Ismael Lorenzo

Ein Sieg, der schmerzt

«Juditha triumphans» – mit dem BALLETT BASEL und La Cetra

Als sich der Vorhang hebt, hat der Krieg schon begonnen. Das Volk tanzt, könnte man glauben, aber der Chor des La-Cetra-Vokalensembles kündet vom Bergbalkon herab von tausend Plagen, tausend Toden. «Juditha triumphans »? Judith, die Triumphierende? Davon sind wir, eingangs von Richard Wherlocks neuem Handlungsballett nach Antonio Vivaldis gleichnamigem Oratorium, noch weit entfernt.

Schaut man auf die Eröffnungsszene, erkennt man zwei Parteien, vermengt, verknäuelt, vertieft in ein Ringen, das ein antiker Nahostkonflikt war und jetzt, im Zwielicht des Theaters Basel, auch ein Geschlechterkampf geworden ist. Die Männer, die Reihen fest geschlossen, stellen die Assyrerarmee dar. Harsch schütteln sie die Frauen ab, die Hebräerinnen, die Verteidigerinnen, die ihre Eroberer zu gern zurückdrängen würden.

Ein Muskelprotz

Und dort, dort oben schwingt sich auch schon Holofernes behände vom Würfelturm hinab, den Bühnenbildner Bruce French wie eine Hügelkette auf der Grossen Bühne verkantet hat. Mit Muskeln protzt dieser Feldherr, er hat Riemen rund um den nackten Bizeps gestrafft, ein goldenes Ornament schützt das Herz (Kostüme: Catherine Voeffray). Einem Fantasy-Helden gleicht dieser Holofernes, doch keinem von der tumben Exterminator-Sorte. Jorge García Pérez ist vielmehr ein Tänzer von geschmeidigster Schnellkraft. Und sein Holofernes einer, der ein Ziel nie aus den Augen lässt.

Vorerst ist sein Ziel die Unterwerfung Israels. Choreograf Wherlock hat sich fürs Schlachtgetümmel vielsagende Bilder einfallen lassen. Da stopfen die Tänzer ihre Partnerinnen in Würfelboxen, kippen sie um, schon liegen die Frauen flach. Und Holofernes, vom Hügel herab, gibt den Zeremonienmeister der Eroberung. Den Unbesiegbaren. Den Unbeirrbaren. Welche Anmassung. Was für ein Selbstbetrug.

Als sein Vertrauter Vagaus (der wackere Frank Fannar Pedersen) mit Besuch antanzt, ist es um Holofernes geschehen. Judith wirft sich ihm zum Pas de deux in die Arme, schreitet mit ihm auf der Mauer, welche Hebräer und Assyrer trennt. Er scheint sie schon als Eigentum zu betrachten.

Doch Ayako Nakanos Körper spricht eine andere Sprache. Ihre Judith bezirzt Holofernes zwar breitbeinig, doch wirkt sie in ihrem blutrot geschlitzten Kleid immer auch zum Sprung bereit. Diese Judith tanzt so verführerisch, so launisch und so gefährlich wie eine Raubkatze. Wäre Holofernes ihr nicht verfallen, stiege er ihr nicht so blindlings nach, er sähe wohl die Systematik. Denn Judiths Dienerin Abra (Debora Maiques Marin) macht sich flugs den Offizier Vagaus gefügig. Und das mit professioneller Koketterie.

So endet ein erster Teil, in dem das Barockorchester La Cetra unter der Leitung von Andrea Marcon das Geschehen, nach leichten Wacklern zu Anfang, immer leidenschaftlicher vorantreibt. In dem fünf Gesangssolistinnen (Silke Gäng, Dina König, Alice Borciani, Jenny Högström, Alessandra Visentin) die Hauptfiguren und Vivaldis Klangfarben engelsgleich spiegeln – sehr fordernde Klangfarben, die er auf seine Meisterschülerinnen im Waisenhaus des venezianischen Ospedale della Pietà abzustimmen wusste. Es endet ein erster Teil, in dem das Ballett Basel das Continuo des frommen Oratoriums zeitgenössisch ausdeutet. Es geht recht geschlechtlich zu. Und ein starker Mann ist schwach geworden.

Mit Boshimütze

Der zweite Teil beginnt mit einer Überraschung: Ozias – der Geistliche, der Judith den Segen für ihre Pläne auf dem Lager des Holofernes erteilt – entpuppt sich bei Wherlock als Reggae- Priester mit Witz und Boshimütze (Diego Benito Gutierrez). Mag die sexuelle Verwicklung phasenweise auch beiderseitig sein, es ist Holofernes, nun in Abendgarderobe, der mit Begeisterung ins Verderben tanzt. Und Judith verkörpert sein Verderben. Ayako Nakano zelebriert grandios Judiths grausamen Triumph. Diesen Sieg, der auch schmerzt. Aber das Volk tanzt wieder. Und diesmal kriechen die Männer am Boden