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NZZ zur Première von «Tewje»

Quelle: NZZ vom 24.11.2015 von Martina Wohltat
NZZ zur Première von «Tewje»

Foto: Ismael Lorenzo

Lebensfreude und Exodus

Der Choreograf Richard Wherlock entwirft am Theater Basel ein fesselndes Tanzstück über die untergegangene Welt des jüdischen «Stetls», ungelöste Generationenkonflikte und das Elend der Vertreibung.

Wie tanzt man ein Gebet? In sich versunken dreht der Mann auf der Bühne des Basler Theaters seine Kreise, reckt Arme und Kopf empor zum Bühnenhimmel: Frank Fannar Pedersen ist Tewje der Milchmann in Richard Wherlocks neuem abendfüllendem Ballett. Ein baumlanger, knochiger Kerl, der wie das Vorbild aus Scholem Alejchems Erzählung seinem Gott die Frage stellt, die schon Hiob stellte: «Was für eine Missetat hast du an Tewje gesehen, dass du von ihm keinen Augenblick ablässt?»

Alles Unglück scheint er auf sich zu vereinen. Seine drei Töchter wollen bei der Partnerwahl nichts von traditioneller Heiratsvermittlung wissen. Die Älteste heiratet einen armen Schneider, die Zweite einen Revolutionär, die Dritte verliebt sich in einen Andersgläubigen und wird verstossen. Neben den familiären Problemen zieht die Katastrophe der Vertreibung am Horizont auf. Tewje, seine Frau Golde (Ayako Nakano), Töchter und Schwiegersöhne gehen einer ungewissen Zukunft entgegen.

Die Handlung spielt in einem ukrainischen Dorf zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Scholem Alejchems Geschichte wurde 1964 durch das Broadway-Musical «Fiddler on the Roof» weltbekannt, vom Choreografen Jerome Robbins bittersüss inszeniert. Die Gefahr der Sentimentalität wird in Wherlocks Ballett mithilfe der bissig-kontrastreichen Komposition von Olivier Truan gebannt. Die Klezmer-Band Kolsimcha und das Sinfonieorchester Basel spielen unter Alexander Mayer eine heutige Variante des Klezmers mit swingenden Rhythmen und kernigem Blechbläser-Sound. Die Lebensfreude findet in der Musik eine kantige, kauzige Entsprechung.

Bereits in den neunziger Jahren hat Wherlock zu Klezmer-Musik choreografiert, in seinen «Transit Dances» und in «Stetl» ging es um Aufbruch und das Unterwegssein. Schon damals gerieten die folkloristisch angehauchten Schrittfolgen mitreissend, blieben aber, bei aller Melancholie, etwas äusserlich. In «Tewje» steckt mehr Herzblut. Die Geschichte vom Milchmann, der ebenso starrsinnig wie liebenswürdig an den Traditionen festhält und dessen Töchter sich dann doch gegen ihn durchsetzen, ist ein tragfähiger Plot. Ausgeschmückt wird er mit rasanten Tänzen der Dorfbewohner in nostalgischen Kostümen (Catherine Voeffray).

Die Bühne von Bruce French gibt den Blick frei auf Videoprojektionen von weiten Landschaften und Kornfeldern. Davor wellt sich der Bühnenboden wie altes Linoleum zu Hügeln auf. Die Liebespaare flirten hinter fahrbaren Zäunen, die Hochzeitsgesellschaft vergnügt sich in hölzernen Bottichen. Überlebensgross werden die Gesichter der Protagonisten auf die Bühnenrückwand projiziert, rastlos muss das Auge zwischen den tanzenden Körpern und den zugehörigen Gesichtern hin und her wandern.

Als burleskes Paar werden die Heiratsvermittlerin Jente und der tollpatschige Freier Lejser-Wolf eingeführt, der den Mädchen lüstern an die Waden greift. Zwischen Tewjes Töchtern und ihren Zukünftigen entfesselt Wherlock Paartänze voll verhaltener Sehnsucht und Wärme. Diese Liebespaare könnte man sich im Temperament unterschiedlicher vorstellen, doch die Tanzenden werden auch so mit der Zeit zu Figuren, die uns berühren. Zum Jauchzen der Klarinette umschlingt sich das Hochzeitspaar Zeitel und Mottel (Andrea Tortosa Vidal, Jorge Garcia Pérez), die Ernüchterung folgt auf dem Fuss. Tewje und die Seinen müssen das Dorf verlassen. Der Exodus vollzieht sich im Laufschritt. Im Zusammenspiel von Musik und Tanz entsteht hier eine Dringlichkeit, die auch vor dem Hintergrund heutiger Flüchtlingsdramen angemessen wirkt, ohne aufgesetzt zu erscheinen.

Am Schluss stehen Tewje und Golde wie angewurzelt in einer verwüsteten Landschaft. Ob sie sich weiterhin gegenseitig beschützen können, bleibt offen.