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BaZ zur Première «Object Present»

Betörend und verstörend - das BALLETT BASEL begeistert mit Choreografien von Galili und Shechter (von Marlies Strech)
BaZ zur Première «Object Present»

Foto: Ismael Lorenzo

Wie schaffen die das? 35 Minuten lang bewegen sich die Tänzer und Tänzerinnen mit völlig präzisem Körpereinsatz in Itzik Galilis «Romance Inverse» – trotz der manisch fliessenden Minimal- Musik von Steve Reich und den ähnlich repetitiven Klängen der Percussion - Group Percossa. Sie verpassen keinen Einsatz, scheinen nie vom Tanzgedächtnis verlassen zu werden und schaffen es sogar in den synchron getanzten Szenen, sich makellos einheitlich zu präsentieren.

Galilis «Romance Inverse» ist ein physisch sehr forderndes Stück: Modern und Contemporary Dance mit asiatischem Einschlag, Kraftakte, irres Tempo. Im ersten Teil zirkulieren fünf Männer in schwarzen Hosenröcken, die Oberkörper nackt, zwischen fünf schwarzweissen, von Statisten herumgeschobenen Schiebewänden hindurch, ohne sich je zu berühren.

Neugierig, energisch

Im zweiten Teil von «Romance Inverse» sind es dann je fünf Tänzerinnen und Tänzer in grauen Salopp-Pullis, die sich einzeln, in Paaren oder wechselnden Gruppen voneinander weg und aufeinander zu bewegen – neugierig, energisch, meist ohne erotischen Touch, aber echt betörend. Ein mobiler Kubus mit Scheinwerfern setzt sie jeweils ins richtige Licht. Galilis «Romance Inverse», kreiert 2010, ist eine Schweizer Erstaufführung. Gleiches gilt für Hofesh Shechters «Violet Kid», entstanden 2011. Die beiden Choreografen und früheren Tänzer, heute 55 und 41 Jahre alt, sind beide in Israel aufgewachsen, haben nolens volens den dortigen Militärdienst ab - solviert. Sie tanzten in der Batsheva Dance Company in Tel Aviv, dem bis heute prominentesten israelischen Ensemble – Galili noch unter Robert Cohan, Shechter unter Ohed Naharin.

Ähnlicher Tanzstil

Von ihnen wurden sie auch zu ersten Choreografien animiert. Trotzdem brachen sie bald einmal aus ihrer Heimat aus und verlagerten ihre Schwerpunkte nach Europa. Galili lebt heute in den Niederlanden, Shechter in England. Einleuchtend, dass die beiden Choreografen einen ähnlichen Tanzstil haben, zumindest in den in Basel präsentierten Stücken: ausdauernd, athletisch, mit expressiven Körperbewegungen. Ja, und auch etwas machohaft. Die Füsse sind nackt oder stecken in Socken. Die Musik klingt ab Tonträger. Atmosphärisch dagegen sind die beiden Stücke sehr unterschiedlich. Während Galilis «Romance Inverse» ästhetisch und formal ausgereift wirkt, scheint in Shechters «Violet Kid» vieles (noch?) offen und ungeklärt. Immer wieder bilden die 14 in Alltagskleidern auftretenden Tanzenden eine Reihe, dann brechen einzelne aus, es drohen Chaos und Anarchie. Die Grundstimmung ist ebenso hypnotisch wie verstörend. Man begegnet faszinierenden Ritualen, aber auch Gewalt, Kampf, Flucht und Verzweiflung. Shechter entwickelt in seinem Ballett ungewohnte Bewegungsformen, auch Verrenkungen und Hässlichkeiten. Ebenso spannungsvoll ist die von ihm selbst kreierte, vorwiegend elektronisch gestaltete Musikkulisse – schlagzeugbetont und oft repetitiv wie in Ga lilis Stück, aber zusätzlich mit Sprachfetzen durchsetzt. Etwas frustrierend die Lichtregie: Nebelschwaden hindern einen daran, die Gesichter der Tanzenden klar zu erkennen. Zum Glück haben diese so unterschiedliche Proportionen, dass man sie dann doch auseinanderhalten kann.

Leidenschaft und Präsenz

In beiden Stücken sind die Tanzenden vorbehaltlos zu bewundern – in ihrer Leidenschaft, Präsenz und Körperbeherrschung. Sie wirken, als hätten sie nie einen andern Stil gekannt als den der beiden Israelis: handlungsfrei, aber mit Feuer im Bauch. Dabei haben sie in der laufenden Spielzeit auch in ganz anders gelagerten Balletten getanzt – so in Richard Wherlocks «Tewje» oder Alejandro Cerrudos «Sleeping Beauty». Das Publikum war begeistert, von Galilis betörendem Werk «Romance Inverse» ebenso wie von Shechters oft verstörendem «Violet Kid».