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BaZ zur Première von "Am Puls der Zeit"

Drei Choreografen zeigen in «Am Puls der Zeit» am Theater Basel ihre Arbeiten (Quelle: BaZ, 01.10.2012 / Julia Voegelin)

Was die Zuschauer im ersten Moment sehen, mag verblüffen. Gegen hundert Kartonschachteln stehen, in einem Viereck angeordnet, auf der grossen Bühne des Theaters. Wie soll in oder über diesem kniehohen, instabilen Raster getanzt werden? Was in diesem Rahmen möglich ist, zeigt die spanische Choreografin Blanca Li mit ihrem Stück «Alarme», das sie vor acht Jahren für die Biennale de Lyon entwickelt hat.

Sachte, mit dem ersten wummernden Schlag der elektronischen Klangkomposition, schieben sich vereinzelt Schachteln in die Höhe, bald darauf strecken sich Arme und Beine gen Himmel, kahle Köpfe ragen über die Kartonränder. Geschmeidig tauchen die Tänzer auf und ab, entfalten sich in ihrem durch vier Ecken definierten Raum, der nicht grösser als eine Badewanne ist. Isoliert bewegen sich die androgyn wirkenden Figuren durch ihre gerasterte Welt, von grossen Lampen beleuchtet und erwärmt, als befänden sie sich in einem Brutkasten, auf Erlösung wartend.

Küken mit Sex-Appeal
Unter dem Titel «Am Puls der Zeit» werden vier Choreografien von drei Choreografen zusammengefasst. In Blanca Lis Arbeit ist der Titel am offensichtlichsten: Isolation trotz intensiver Vernetzung, Gleichheit, der Norm entsprechen zu müssen – Attribute, mit denen wir in unserer Gesellschaft konfrontiert sind.

Dass der Vergleich des Rasters mit einem Brutkasten nicht abwegig ist, zeigt sich in ihrer zweiten Choreografie «Doble Paso» (Doppelschritt), die musikalisch auf den spanischen Tanzstil Paso doble Bezug nimmt. In feurigem Rot stolzieren acht Tänzerinnen in zehn Zentimeter hohen Stöckelschuhen über die Bühne, der gefederte Kopfputz wippt kokett mit. Dazu gackert die Königin der Nacht aus Mozarts «Zauberflöte » ihre Arie. Die Küken sind nun definitiv in der Hölle der Rache angekommen – übertrieben sexy reissen sie ihre Münder auf, lechzen züngelnd nacheinander, werfen sich in Pose. Die Weiblichkeit steht augenzwinkernd an vorderster Front, verbiegt sich in gefährlich gestelzte Figuren, die ebenso wenig echt sind wie die hautfarbigen, androgynen Kleider in «Alarme». Den schönen Schein bewahren, darum geht es Blanca Li hier – koste es, was es wolle.

Grenzenlose Schönheit
Weniger Erklärung erhalten wir vom tschechischen Choreografen Jirí Kylián, von dem das Ballett Basel zum neunten Mal ein Werk interpretiert. Zu seinem Stück, das vor zehn Jahren in Den Haag uraufgeführt wurde, sagt er lediglich: «Diese Arbeit wird gezeigt und gesehen in 27 Minuten und 52 Sekunden. » So lautet auch der Titel «27’52’’». Drei Tanzpaare vertonen verzerrte, musikalisch unterlegte Texte, die von Tänzern des Nederlands Dans Theater (NDT) ausgesucht wurden.

Jedes akustische Ereignis wird von den Tanzpaaren körperlich umgesetzt – poetisch, kraftvoll und sinnlich. In dieser knappen halben Stunde werden die Zuschauer ungefragt in einen Sog von Emotionen gezogen. Ein Werk, das die Schönheit des Tanzes und seine Grenzenlosigkeit aufzeigt.

Und was passiert bei der Uraufführung der Choreografie «Stone(d)» von Richard Wherlock, dem Basler Ballettdirektor? Kaum gibt der Vorhang den Blick auf das Bühnenbild frei: Applaus rauscht durch den Saal. Die Erwartungen steigen. «Atmosphärische Skizzen» nennt Wherlock sein neues Stück, das wirkt, als hätte er Einfall an Einfall gereiht. Einen Zusammenhang sucht man vergeblich – vielleicht ist genau das seine Intention.

«Stone(d)» wirkt wie eine flüchtige Zeichnung, welcher der Kern fehlt, die eben «entsteint» wurde. Im Vergleich schafft es Wherlocks Werk nicht, den Sog fortzusetzen, in den wir am Anfang dieses Abends geworfen wurden. Theater Basel, Grosse Bühne. Weitere Aufführungen 1., 5., 7. Oktober. www.theater-basel.ch Rot ist die Liebe zum Tanz._ Aus dem Stück «Doble Paso» der spanischen Choreografin Blanca Li. Foto Ismael Lorenzo