Sie sind hier: Startseite Ballett Theater Basel Medienberichte NZZ zur Première von «Dance Talks»

NZZ zur Première von «Dance Talks»

Quelle: NZZ vom 04.10.2014 von Martina Wohltat
NZZ zur Première von «Dance Talks»

Foto: Ismael Lorenzo

Im Licht Hollands

Choreografien von Wubbe, Dury und Wherlock am Ballettabend «Dance talks» in Basel

Ein weiter Himmel mit Wolkenschiffen, Tulpenmanie und Armen, die wie Windmühlenflügel kreisen - der Choreograf Ed Wubbe will uns zeigen, wie sich Holland anfühlt. Bildstark hat er das Lebensgefühl einer Nation in seinem Ballett eingefangen. Wubbes Tanzstück «Holland», im Jahr 2009 in Rotterdam uraufgeführt, verleiht dem dreiteiligen Ballettabend «Dance talks» am Theater Basel als letztes Stück Glanz und Klarheit wie aus dem goldenen Zeitalter der niederländischen Malerei. Schon die erste Szene erinnert an ein gemaltes Interieur: Eine Frau sitzt mit dem Rücken zu uns am Harmonium, im Hintergrund sieht man eine sich dramatisch auftürmende Wolkenlandschaft. Davor versammeln sich schwarzgekleidete Tänzerinnen und Tänzer zu einem Bewegungsgeschehen, das mit seiner Formenvielfalt und Dynamik eine starke Sogwirkung entfaltet.

Perspektivischer Reichtum

Wubbe, der künstlerische Direktor des in Rotterdam ansässigen Scapino-Balletts, schafft ein eigenwilliges Panorama seiner Heimat. Er verbindet darin den Geist von Offenheit und Unternehmungslust mit Prinzipientreue und einer gewissen Kargheit, übersetzt diese Eindrücke in den Tanz. Sein Stück verbeugt sich vor der grossen niederländischen Tanzkunst, ist zugleich abstrakt und assoziativ-erzählerisch und erzeugt mit einfachen Mitteln perspektivischen Reichtum. Mit einer riesigen Blumenkugel deutet Wubbe an, wie der holländische Unternehmergeist im 17. Jahrhundert durch die Tulpenmanie den ersten Börsencrash auslöste. Wie ein Pendel versetzen die Tänzer die Kugel in Schwingung. Das sieht spielerisch leicht aus, bekommt aber, wie vieles in diesem Stück, eine Eigendynamik, in die die Menschen eingespannt und von der sie schliesslich bewegt werden.

In Ensembles und kleinen Gruppen werden die Bewegungen einfallsreich variiert, bei den tanzenden Paaren verschieben sich die Symmetrien auf subtile Weise. Das erzeugt räumliche Spannung. Exotische Details wie die turbanartigen, phantasievoll gewickelten Kopfbedeckungen erinnern an die holländischen Reisenden der Ostindien-Kompanie. Die Kostüme sind von historischen Vorbildern inspiriert, wir sehen schwarzgekleidete holländische Kaufleute mit weissen Kragen und Manschetten, wobei Männer und Frauen hier die gleiche Tracht tragen. Die auf der Bühne von Maria Bugova live gespielten Harmoniumklänge verleihen dem Stück einen ganz eigenen Atem. Wie vom Wind bewegt werden die Tänzer, wenn sie mit Klangstäben an den Hüften auftreten. Dann geht ein Windstoss durch sie hindurch, die Tänzerkörper werden zu lebendigen Klangkörpern. Die Basler Kompanie tanzt dies mit beglückender Kraft und Dynamik.

Schwarz-weiss und bunt

Ähnliche Expressivität findet sich bereits im ersten Stück des Abends mit dem Titel «CEL Black Days» des französischen Choreografen Jean-Philippe Dury - ein getanztes Psychogramm, in dem suggestive Licht- und Schattenwirkungen eine dunkel grundierte Stimmung erzeugen. Die Männer sehen hier mit ihren muskulösen Rücken wie bronzene Statuen aus. Die japanische Tänzerin Kihako Narisawa beeindruckt als biegsame, verletzliche Muse. Das Stück ruft im Zuschauer eine träumerische Resonanz hervor und bleibt dabei anziehend rätselhaft.

Als Kontrast zu den expressiven Schwarz-Weiss-Bildern wird es beim Basler Ballettdirektor Richard Wherlock richtig bunt. Wherlock widmet seine Uraufführung «Straight to the Heart» der britischen Pop-Sängerin Dusty Springfield. Ihre Songs, das Bewegungsrepertoire und die Kostüme führen in die 1960er Jahre. Man sieht Anzüge und Kleider in schillernden Regenbogenfarben, die lässigen, lockeren Moves erzählen von Emanzipation und gesellschaftlichen Veränderungen. In den Bewegungen liegt auch Ambivalenz, die der Hingabe mitunter im Wege steht, zwischen den Tanzpartnern bleibt eine gewisse Distanz. Eng tanzen ist nur ausnahmsweise zu den langsamen Balladen angesagt. Als soziokulturelles Bewegungsbild einer Epoche ist das gut beobachtet und mit leichter Hand umgesetzt. Man lässt sich diesen nostalgischen Ausflug in die Beatschuppen der sechziger Jahre gerne gefallen.